Otto Piene

"Die Farbe in unterschiedlichen Wertbereichen"

[een artikel uit ZERO 1, 1958]

 
 
 

Die Farben gehören zu den empfindlichsten Erscheinungen, denen der Mensch begegnet. Trotz oder wegen ihrer Relativität bilden sie für uns ein Bezugssystem in der Ordnung der Welt und darüber hinaus eine mehr oder weniger selbstständige Sphäre mit eigenen Gesetzen von "Bedeutung" und Wirkung.

Die philosophische Frage, ob die Farben von sich her diese Wirkung ausüben, oder ob die Tatsache dieser Wirkung die Folge eines historischen Prozesses, oder ob beides der Fall ist, kann hier nicht beantwortet werden. Auch eine Wahrnehmungstheorie steht nicht zur Diskussion. Dagegen sollen - ohne Anspruch auf Vollständigkeit - Phänomene aufgezeigt und Konsequenzen gezogen werden.

Innerhalb des Wertsystems, nach dem für den Menschen (andere Lebewesen liegen ausserhalb der Betrachtung) sein Leben und die Welt organisiert sind, hat die Farbe einerseits seine in erstaunlichem Masse regulative Funktion und andererseits, im Bereich der im engeren Sinne ästhetischen Werte, eine eigene Wertdimension. Dabei sind die verschiedenen Werte, die die Farbe anzeigt oder bildet, vielfach ohne feste Grenzen gegeneinander, gehen ineinander über, decken sich gelegentlich und unterscheiden sich dann unter verschiedenen Aspekten. Immerhin sind die grösseren Wertbereiche deutlich voneinander abgehoben.

Ein fundamentaler Farbwert ist der Ordnungswert ("der Himmel ist blau, die Erde ist braun"), zu dem der Unterscheidungswert (oder Trennwert ) ein untergeordneter Wert ist ("die rote Linie, die blaue Linie").

Aus dem Ordnungswert ergibt sich der Zeichenwert mittels Konventionen (rote Warn- und Verkehrsschilder, blaue Parkschilder).

Diese drei Werte stehen vor allem im Dienste einer kritischen Regulierung, haben letztlich rationale Funktion.

Im Gegensatz dazu hat der Stimmungswert vor allem emotionalen Charakter ("die blaue Stunde"; der Blues). Einen eigenen Bereich innerhalbder Stimmungswerte bilden die Sakralwerte (der Goldgrund). Auch der Stimmungswert der Farbe kann durch historische &Übereinkunft zeichenhafte Züge annehmen (schwarz bei Trauer).

Der genannten Farbwerte haben entweder vorwiegend anzeigende oder vermittelnde Funktion für übergeordnete Werte anderer Art (vor allem Vital- und Erkenntniswerte) oder evozieren ein Wertfühlen, das sich auf die Farbe selbst nur sehr mittelbar richtet.

Der erste elementare Farbwert, der nicht so sehr an sich vorbei weist, ist der Schmuckwert (am Gegenstand wie im Bild). Er ist jedoch dadurch besonders relativ, dass es mehr als bei anderen Farbwerten beim Betrachter liegt, ihn für sich oder für ein anderes wirken zu lassen. Ob und wieweit er in der Natur teleologisch funktioniert, das ist hier eine müssige Frage. In der Kunst ist der Schmuckwert fundamental (Ornament). Andererseits entscheidet seine Handhabung, ob ein "künstlerisches" Gebilde ein Kunstwerk oder blosser Schmuck ist.

Im künstlerischen Bilden offenbart sich der Gestaltwert der Farbe als Folge des unlösbären Konexes zwischen Farbe und Form. Hier gewinnt die Farbe selbstständige Fülle, wenn diese nicht durch eine grosse Wertgruppe an die Kette gelegt wird: die Imitationswerte.

Sie sind Pseudowerte, wenn man sie wörtlich nimmt, können jedoch, wenn sie gleichzeitig andere Werte sind oder repräsentieren (z.B. Schmuckwert) auch "künstlerische" Werte sein: der stoffliche Imitationswert (Materialillusion), der räumliche Imitationswert (Raumillusion).

Die Imitationswerte offenbaren schon den Transpositionscharakter der künstlerischen Farbwerte überhaupt: die illusionistische Raumfarbe im Bild gibt den Eindruck von Raum, der nicht wirklich ist. Darüberhinaus kann sie auch noch - transponiert - "Bildraum"-Farbe sein und, statt das Bild perspektivisch zu irritieren, ihm räumliche kontinuität und damit Bild-"Distanz", "Diskretion" geben (Mona Lisa). Der in diesem Sinne wirkende Farbwert ist der Raumwert.

Die Farbe als Gestaltwert erweist schon die ihr innewohnende "Magie", in Freiheit zu bilden. Während aber der Gestaltwert sich mehr auf die Form, die die Farbe Gestalt sein lässt, bezieht, ist die Farbe in ihrer ureigenen Sphäre, wenn ihr Lichtwert bestimmender Wert ist.

Der Lichtwert kann sein:
Beleuchtungswert, Energiewert , Bewegungswert.

Als Beleuchtungswert tritt der Lichtwert im Gewande eines Imitationswertes auf. Der Energiewert der Farbe ("die Kraft der Farbe") kann "bedeuten"statische Energie oder Bewegungsenergie. Hier zeigt sich wieder der Form-Farbe-Nexus: Es ist eine Frage des formalen Arrangements, ob der Lichtwert als statisch oder kinetische Energie erscheint. Die Farbe wird vor allem dann Bewegungswert haben, wenn der imitatieve Raumwert gerting ist und der eigentliche (Bild-)Raumwert knapp oder indifferent ist (silber, weiss, gold, gelb). Ein Vermindern der Dimension Raum bedeutet hier ein Erweitern der Dimension Zeit. Das Scheinen der Farbe wird hier zum dynamischen Vibrieren, Gleissen, Strahlen.

Dabei ist das Bild allerdings nach wie vor keine physikalische Energiequelle. Die "optische Energie", die Farbe als Lichtwert ist ebenfalls transponiert, jedoch im Bild am meisten selbst Wert und damit frei geworden - als Farbe - nur gebunden durch das notwendige Minimum formaler Disziplin.

Alle aufgeführten Werte haben, einerlei ob sie vorwiegend in der Wirklichkeit oder in der Kunst zu Hause sind, in der Malerei grosse Bedeutung gehabt oder werden gegenwärtig als relevant betrachtet:

Ordnungs-, Unterscheidungs-, Zeichenwert spielen in der archaischen Kunst wie in der kalligraphischen Malerei eine entscheidende Rolle. Besonders der Unterscheidungswert wird hier zur unumgänglichen Bedingung des Bildes. Die rationale Funktion der Farbe als Unterscheoidungswert siedelt die kalligraphische Malerei in der Nähe der Schrift und damit der Sprache an.

Die Stimmungswerte finden sich in den meisten sakralen oder profanen Künsten mit "metaphysischer" oder "transzendenter" Tendenz (Mittelalter, Romantik, Expressionismus).

Die Neuentdeckung der Imitationswerte ermöglichte die Malerei der Neuzeit einschliesslich Surrealismus.

Der Gestaltwert der Farbe ist vor allem - in konsequentem Respektieren des Form-Farbe-Nexus - das Feld des Konstruktivismus.

Der Gestaltwert inlässlicher Verbindung mit Stimmungswerten ist das Dorado des akademischen Tachismus, während das "Informel" in seiner schöpferische Phase eigentlicher Entdecker der Weite der Möglichkeiten der Farbe in ihrem Gestaltwert ist. Ein Überwiegen des Gestalthaften jedoch führt zu Assoziationen und damit weg von Farbe und Bild.

Der Lichtwert der Farbe, der die Farbe eigentlich Farbe sein lässt, ist bis zum Ende des Impressionismus nur im Gewande des Beleuchtungswertes, allerdings in günstigen Fällen (etwa bei Renoir) zu grosser Freiheit gesteigert, aufgetreten. Delaunay und die Futuristen erst haben das erkannt, jedoch mit so viel formaler Problematik verknüpft, dass die Zeitgenossen und die Nachwelt fast nur die Formen und "Themen" gesehen haben. Erst die unabweisliche Empfindung, dass die Aufgabe der bildende Kunst von heute die Bewältigung der Dimension Zeit ist, führt uns zur Farbe als Farbe, als Licht, als Energie.

Otto Piene

ZERO 1 [Düsseldorf, 1958], herdrukt in: Otto Piene, Heinz Mack en Lawrence Alloway, ZERO, Cambridge/Massachussets 1973, blz.: 16/18.