Dr. F.W. Zeylmans van Emmichoven

"Kleine Farbenfibel für ein Tapeten-Musterbuch"

[1939]

 
 
 

"Allzu wichtig ist die Bedeutung der Farben für das Seelenleben, als dass es nicht unternommen werden sollte, mehr und mehr die strahlende und harmonisch abgestimmte Farbe in die Intimität der Wohnräume eintreten zu lassen. Die hier folgenden Charakterisierungen der verschiedenen Farben sind absichtlich sehr kurz gehalten, einigermassen im Stile Goethes in der 'sinnlich-sittlichen Wirkung der Farben' seiner berühmten Farbenlehre."

 

Gelb und seine Nuancen (Warm-gelb und Orange-gelb)

Gelb ist eine strahlende, erheiterende Farbe, die am meisten dem Sonnenlicht verwandt ist. Ihr allgemeiner Charakter ist: fröhlich, behaglich, leicht aktivierend. Eine Landschaft an einem düsteren Tag scheint, durch gelbes Glas angeschaut, fröhlich und warm zu sein. "Das Auge wird erfreut, das Herz ausgedehnt, das Gemüt erheitert." (Goethe)
Der anregende Charakter von Gelb ist der Grund dafür, dass diese Farbe viel angewendet wird bei der heutigen Innenausstattung, besonders in Grossstädten, wo das Sonnenlicht oft wenig in die Wohnungen eindringt. Bei künstlichem Licht bleibt der warme und behagliche Charakter von Gelb im allgemeinen gut erhalten.
Der ausgesprochene Charakter von Gelb verliert sich bei starker Verdünnung mit Weiss nur in sehr gerigem Masse, so dass die spezifische Wirkung bei Anwendung auf grösseren Flächen doch bewahrt bleibt. Für eine Halle, einen Vorraum und für Wohnräume ist Gelb sehr zu empfehlen. In dunkleren Räumen hat es weine aufhellende Wirkung.
Der edle Charakter, den das Gelb hat, geht verloren, sobald es in Richtung Grün geht (Zitronengelb).

 

Orange und seine Nuancen (Gelb-orange und Rot-orange)

In Orange wird der strahlende Charakter von Gelb durch das warme Rot verstärkt. Rot als die am stärksten aktivierende Farbe macht das Gelb aggressiver und wirksamer; das Gelb dahingegen mit seinem mildem, lichttragenden Charakter dämpft das Flammende und Leidenschaftliche des Rot. So entsteht ein Gleichgewicht zwischenLicht und Kraft, und Orange vermag dadurch ein Gefühl zu wecken von Gesundheit und Wohlbehagen. In die Wohnung bringt es, falls mit Mass angewandt, ein Element von Wärme und Geselligkeit. Ein gesunder und starker Idealismus wird durch Orange zum Ausdruck gebracht und die Tatkraft angeregt. Selbstverständlich würde eine zu intensive Anwendung Unruhe und Hast verursachen. Für die Wände ist deshalb eine starke Misschung mit Weiss oder Grau fast immer zu empfehlen, wodurch schöne Schattierungen von Braun und Beige entstehen.

 

Rot und seine Nuancen (Orange-rot)

Weil Rot die stärkste und aktivste Farbe ist, ist eine Anwendung meistens nur möglich in den zarten Nuancen von Rosa und Rosarot. Die Verstärkung des Wärmeelements, wie bei Orange zu sehen war, wird bei Rot schon bald fast unerträglich und gewalttätig. Kinder und Naturvölker, sagt Goethe haben eine besondere Vorliebe für diese Farbe, die sich mit der grösstmöglichen Energie der Menschenseele mitteilt. Die prickelnde, aufregende Wirkung kann bei einem ausgesprochenen Rot einen fast ausgelassenen Charakter bekommen. Durch kräftige Misschung mit Weiss oder Grau wird das Rot aber sehr angenehm und milde in seiner Wirkung. Dadurch tritt der liebliche Aspekt hervor. Die Menschenseele wird sich in einer solchen Umgebung gern entfalten.
Auch die dunklen Stufen von Rosarot und Rot vermögen eine behagliche Atmosphäre zu erzeugen. (Man denke an roten Stühle in Konzerthallen usw.) Für die Wände kleinerer Räume wird Rot im allgemeinen nicht empfohlen.

 

Violett

Diese merkwürdige Farbe hat für viele eine grosse Anziehungskraft. Dem Warmen, Anregenden von Rot begegnet das Kühle und Zurückhaltende von Blau. Eine Besondere Wirkung wird durch einander entgegengesetzte Elemente erreicht: Aktivität und Ruhe, Empfindung und innere Stille! Kein Wunder, dass diese Farbe für mystisch veranlagte Menschen eine tiefe bedeutung hat.

 

Blau und seine Nuancen (Grün-blau)

Wie im Gelb das Licht, so wirkt im Blau das Element der Finsternis. Die Farbe ist "in ihrer höchsten Reinheit gleichsam ein reizendes Nichts" (Goethe). Vor allem ist es die Farbe, die dem Gemüt Ruhe und Frieden schenkt. In den dunklen Stufen wird diese Wirkung immer intensiver, so dass die Farbe dann eine schwere, ja sogar schwermütige Wirkung bekommen kann. Die helleren Schattierungen haben ein reines, zartes und fröhliches Element in sich, während doch das beruhigende nicht fehlt. Im besonderen hat Blau eine anregende Wirkung auf das Gedankenleben.
Die Farbe steht an der kühlen Seite des Spektrums. Bei Anwendung auf grossen Flächen kann dieses kühle Element störend und deprimierend wirken. Im räumlichen Sinne bewegt die Farbe sich von uns weg im Gegensatz zu Gelb und Rot. Ein hellblauer Raum kann dadurch grösser erscheinen als der gleiche Raum in einer warmen Farbe wirken würde.

 

Grün mit Blau-grün, Gelb-grün und Grün-gelb

Das Grün ist die Farbe des Vegetativen in der Natur. Es steht zwischen den beiden Gegenpolen Gelb und Blau und hat dadurch eine innere Ruhe in sich, die sich auf die Menschenseele harmonisierend auswirkt. Das Aktive und das Passive, das strahlend auf uns Zukommende und das von uns Weichende, das Anregende und das Beruhigende - alle diese Gegensätze finden im Grün ihr Gleichgewicht.
Grün ist die Farbe einer Stille, die nicht eintönig wirkt, und einer Unbeweglichkeit, die nicht tot ist.
Mit Blau gemischt, kann Grün einen kühlen Charakter bekommen, das bei grösserer Intensität sogar frostig wirkt (Eisblau). Bei helleren Nuancen bekommt die Farbe aber einen freundlicheren Charakter.
Mit Gelb gemischt, erreicht das Grün im allgemeinen eine fröhliche und freudige Wirkung (Frühlingsstimmung).

Emanuel Zeylmans, Willem Zeylmans van Emmichoven: Ein Pionier der Anthroposophie, Arlesheim 1979
blz.: 370-372.